EMC – ElektroMobilitätsClub

Das Problem mit der zeitabhängigen Abrechnung an Schnellladesäulen

LadeleistungIn letzter Zeit ist ja relativ oft über den Sinn oder Unsinn der zeitabhängigen Abrechnung an Ladesäulen diskutiert worden. Einerseits ist dieses Abrechnungsmodell meiner Meinung nach aber POSITIV. Warum?

Es hat sich leider in letzter Zeit öfters eingebürgert, dass Besitzer von Elektroautos ihre Fahrzeuge an einer (Schnelllade-)Säule angeschlossen haben und dann ganz gemütlich stundenlang einkaufen gegangen sind oder – noch “besser” – das Auto am Abend angehängt haben und dann schlafen gegangen sind, um am Morgen ein vollgeladenes Fahrzeug vorzufinden. Frei nach dem Motto “Hauptsache ICH habe einen vollen Akku” … Dass da zum Beispiel ein Tesla Model S an einer 43kW Typ-2 hängt, wenn daneben eine 22kW frei ist, ist obendrein UNSINNIG. Für die nicht so versierten Leser möchte ich hier das WARUM auch gerne näher erläutern: Jedes Fahrzeug hat (und hier spreche ich speziell die WECHSELTROMladung an) eine gewisse Maximalleistung, die das Fahrzeug beim Laden aufnehmen kann. So können zum Beispiel einige Fahrzeuge deutscher Hersteller nur EINPHASIG mit einer maximalen Stromstärke von 16A laden. Daraus ergibt sich eine maximale Ladeleistung von 3,7kW. Fahrzeuge wie zum Beispiel der SmartED oder das Tesla Model S (falls er über einen Doppellader verfügt) können DREIPHASIG bei 32A Ladestrom bis maximal 22kW laden. Einzig der Renault Zoe ist momentan in der Lage DREIPHASIG bei 63A sogar 43kW aufzunehmen. Es ist daher ein UNDING, dass sich z.B. ein Tesla Model S an einem 43kW-Lader anhängt, wenn daneben ein 11kW oder 22kW Anschluß frei wäre, da das Fahrzeug ja sowieso nicht mehr als 11kW bzw. eben 22kW bei Vorhandensein eines Doppelladers aufnehmen kann und der Fahrer damit lediglich einem anderen Fahrzeug, welches die volle Leistung nutzen KÖNNTE den Ladeplatz wegnimmt! Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig um das in den Köpfen mancher Fahrer zu manifestieren …

Nun aber zurück zum zeitbezogenen Bezahlsystem … Wenn der Fahrer eines Elektroautos PRO MINUTE bezahlen muss, die er am Lader angeschlossen ist, wird auf diese Weise zukünftig sicher verhindert, dass das Fahrzeug länger an der Ladesäule hängt als unbedingt notwendig. Die beiden größten Anbieter von Schnellladern in Österreich (Ella und Smatrics) verlangen im Schnitt pro Minute 43kW-Wechselstrom-Schnellladung OHNE GRUNDGEBÜHR 15 Cent (Ella) bzw. 45 Cent (Smatrics). Bei Smatrics gibt es noch die Möglichkeit gegen Bezahlung einer monatlichen Grundgebühr den Minutenpreis zu senken. Bei einer Grundgebühr von €14,90 pro Monat kostet die Minute 20 Cent bzw. bei einer monatlichen Grundgebühr von €49,90 kostet die Minute 7 Cent. Das bedeutet nämlich, dass ein “Laden/Parken” von 3 Stunden an einer Schnellladesäule in Zukunft je nach Anbieter bis zu 81€ kosten wird!!!

DA WIRD MAN ES SICH SICHERLICH DREIMAL ÜBERLEGEN, OB MAN SEIN ELEKTROAUTO AN EINEM SCHNELLLADER HÄNGEN LASSEN WIRD ODER NICHT 😃

Daher wird davon auszugehen sein, dass die Elektroautos eben nicht länger als UNBEDINGT nötig am Schnelllader hängen werden, was für die Verfügbarkeit derselben von Vorteil sein wird.

Andererseits hat dieses zeitabhängige System auch gewaltige Nachteile, womit wir bei der NEGATIVEN Seite dieses Modells wären: Problem der Elektroautos ist nämlich, dass je nach Umgebungstemperatur, Akkutemperatur und Ladezustand der Batterie die Ladezeiten stark variieren können … Im Sommer bei 30°C Außentemperatur und warmen Akku ist es durchaus möglich einen Akku in 30 Minuten wieder auf 80% zu laden. Gehen wir hier zum Beispiel von (m)einem Renault ZOE aus, würde mich die Ladung von knapp 18kW innerhalb von 30 Minuten so zwischen 4€ (Ella ohne Grundgebühr) und 6€ (Smatrics SMART NET mit Grundgebühr) bzw. 14€ (Smatrics SINGLE NET ohne Grundgebühr) kosten. Damit liegen diese Preise zwar deutlich über dem Strompreis in der eigenen Garage, wären aber im Bereich um bis zu 6€ gerade noch im erträglichen Maß (obschon diese Aussage sicherlich sehr subjektiv ist). Heute habe ich aber an einer Smatrics-Säule in Linz selbst getestet, wie sich diese Sache bei negativer Außentemperatur und kaltem Akku darstellt … Wie man im Bild des Beitrags feststellen kann, habe ich in 65 Minuten Ladezeit nicht einmal 10kWh Energie laden können! Somit hätte ich für diese 10kWh zwischen 9€ (Ella ohne Grundgebühr) und 13€ (Smatrics SMART NET mit Grundgebühr) bzw. 29€ (Smatrics SINGLE NET ohne Grundgebühr) bezahlen müssen. Das entspricht einem kWh-Preis von 0,90€ bis 2,90€ … Diese Werte entsprechen also dem 5-fachen bis 15-fachen des Strompreises zu Hause ..

DAS IST MEINER MEINUNG NACH ABSOLUT INAKZEPTABEL!

Es wird sicherlich schwer sein, hier den “goldenen Mittelweg” zu finden, denn einerseits soll die Verfügbarkeit der Schnelllader hoch sein (Säule soll nicht blockiert oder unnötig “verparkt” sein), andererseits soll man nicht durch Umweltvariablen, welche man selbst nicht beeinflussen kann (Akkutemperatur, Ladezustand des Akkus) unnötig “zur Kassa” gebeten werden. Für den Kunden ideal wäre sicherlich eher eine Vergebührung nach Verbrauch (Umfragen haben ergeben, dass Elektroautofahrer bereit wären, das 2-fache bis 3-fache des Hausstrompreises zu bezahlen), aber wie die Praxis zeigt, wird dies aufgrund des Egoismus einiger Elektroautofahrer auch nicht zum gewünschten Ziel führen. Denn wenn – angenommen – eine kWh mit 50 Cent verrechnet würde, verdient der Anbieter an einem durchschnittlichen Elektroauto mit ca. 20kWh-Akku somit 10€. Bleibt das Elektroauto aber dann den ganzen Tag an der Säule hängen, weil der Fahrer ja eh nur nach Verbrauch zahlt, kann der Betreiber der Ladesäule keine weiteren Einnahmen lukrieren und andere Elektroautos können an dieser blockierten Säule nicht mehr laden … Also ebenfalls eine “Sackgasse” … Eine Alternative wäre nun eventuell eine KOMBINATION aus Zeit- und Verbrauchstarif … hier wird es dann aber sehr komplex und intransparent wieviel das Laden an einer Säule dann im Endeffekt kostet … und das ist für die Verbreitung der Elektromobilität eher wieder hemmend, da es für jedermann möglichst einfach sein sollte (auch bereits VOR BEGINN der Ladung) feststellen zu können, wieviel die Ladung letztendlich kosten wird. Genau so, wie man es eben bis jetzt von der Benzin-Tankstelle gewohnt war … Literpreis multipliziert mit getankten Litern ist der zu bezahlende Preis. Dem steht aber – wie bereits oben ausführlich erklärt – das ZEITbasierte Abrechnungssystem klar entgegen …

Der EMC wird sich – in Kooperation mit anderen Institutionen und Vereinen – dafür einsetzen, dass in Zukunft ein für möglichst ALLE akzeptables und faires Abrechnungssystem gefunden werden wird, auch wenn dies sicher noch ein steiniger harter Weg werden wird …

UPDATE: unser Artikel ist sowohl im Inland als auch im Ausland auf reges Interesse gestoßen. Wir haben sogar Anfragen von einer Tageszeitung erhalten, die den Bericht veröffentlichen wollte. Der Artikel ist am 9.1.2016 im Motorsportteil der Oberösterreichischen Nachrichten erschienen.

(c) Gert Scherhammer

9 comments

  1. Im Zeitalter der smarten Technologien sollte es doch kein Problem sein, ein Nichtladen zu erkennen. Also vernünftige Gebühren pro kWh, und nach dem Laden eine saftige Parkgebühr. Das Ganze gekoppelt mit einer Info an den Fahrer, dass das Laden beendet ist. Da hat vielleicht der paranoide deutsche Datenschutz ein Problem damit, aber es wäre fair für den Nutzer.

  2. Um mich an den Vorposter anzuhängen: nicht nur könnte ein Nichtladen erkannt und finanziell geahndet werden (niedrige Ladegebühr vs. einer abschreckenden Parkgebühr) – die aktuelle Vergebührung könnte auch, so wie es ja auch bei Zapfsäulen üblich ist, an der Ladestation angezeigt werden. Und die könnte dann abhängig von der Temperatur, Tageszeit, Ladekapazität des Fahrzeuges etc. dynamisch variiert werden. Technische Möglichkeiten gibt es viele, und nicht alles ist gleich intransparent …

  3. Sorry, aber ich kenne keine Multistandardsäulen, die keinen CHAdeMO Anschluss haben. Wenn also ein Tesla Model S Besitzer an einer solchen Station lädt, dann – siehe Bild – wohl am ehesten mit CHAdeMO Adapter. Ich denke nicht, dass Tesla Besitzer unfairer oder gedankenloser sind – sie brauchen schlicht am meisten Ladeleistung. Und werden sich im Normalfall den CHAdeMO Adapter leisten, jetzt wo es ihn endlich prompt lieferbar gibt!

  4. Leider doch … Hierbei handelt es sich um eine TATSACHE! Wir haben dies auch schon öfters erleben müssen … Es gibt auch Vermieter, die keine CHAdeMO-Adapter zur Verfügung stellen bzw. Fahrer, welche das “System” noch nicht so ganz verstanden haben … Hier muss eben noch viel aufgeklärt werden … Nächstes mal mache ich euch ein Beweisfotos 😉
    Nicht vergessen sollten wir auch unsere deutschen Kollegen, bei denen der CHAdeMO in den SLAM-Säulen wieder ausgebaut wird 🙁

  5. Ja das wäre die perfekte lösung – da Chademo vieel langsamer lädt wie AC – CCS
    Bein tanken zahlt man auch pro liter und nicht pro Minute
    Fahre einen LEAF und durfte 9.- für gerade
    mal 6 KW blechen
    (Smatrics single net bei -3Grad)
    SOWAS IST NUR ABZOCKE
    Das Parkproblem wird als “Ausrede” für den Wucherpreis vorgeschoben . . .

  6. Tesla fahrer schlagen alles in Punkto Frechheit !!
    In Salzburg (Tripple Lader noch kostenlos) mit Adapter an Chademo angeschlossen – mit Taxi in die Stadt zum
    shoppen gefahren
    Die haben ja ihre Supercharger wo sie kostenlos laden können- ist es da nötig uns “Arme” Reichweiten Fahrezeugbesitzer dann auch noch auszubremsen ???
    Wenn dort das laden was gekostet hätte dann wäre der Egoistische Tesla fahrer mit WL Kennzeichen da sicher nicht hingefahren

  7. Lese erst jetzt den Artikel und die Kommentare zum Thema.
    Ich sehe das genauso. Selbst Leaf Fahrer, lade ich zu 90% mein Auto in meiner Garage.
    Daher kommt ein Vertrag mit Bindung schon aus diesem Grund für mich nicht in Frage.
    Ich bin der festen Überzeugung, dass es keine große Schwierigkeit wäre, der Ladesäulensoftware erkennen zu lassen, ob Strom fließt oder nicht. Daher wär’s auch kein Problem zwei Tarife anzuwenden.
    Ich glaube auch nicht, das es intransparent wäre.
    Jedenfalls ist das Tarifmodell und das Argument des Marktführers für die Verbreitung der e-Autos nicht dienlich.

  8. Ich habe noch kein Elektroauto, möchte eines, aber die Wucherpreise bei Schnellladern sind ein sehr negativer Punkt.
    Offenbar gibt es 2 Extreme: Einerseits Ladestationen die (noch) gratis sind, zB bei Einkaufszentren. Andererseits Ladestationen mit absoluten Wucherpreisen (Ella, Smatrics).
    Was ist für mich ein Wucherpreis? Wenn der Strom deutlich mehr kostet als zB der Diesel an der Tankstelle. Ich brauche um die 5 Liter Diesel/100km, das sind etwa 5,5-6 EUR bei aktuellen Preisen. Wenn dann der Strom ein mehrfaches vom Diesel kostet ist das nur mehr Wucher.

    Ein weiteres Problem wie hier im Artikel erwähnt: Ich muss einerseits für die Ladepause einen Zeitvertreib (etwa ein Mittagessen) finden. Andererseits tickt die Uhr, ich DARF es mir nicht zu gemütlich machen.
    Das ist schlicht ein Witz.
    Meiner Meinung nach sollte ein Schnelllader eben mit mehreren Kabeln/Parkplätzen ausgestattet werden, und ein Halt von 2-3h sollte kein Problem sein. Sie Ladesäule sollte die Leistung zwischen den Kabeln eben sinnvoll verteilen, wenn ein Auto fertig ist wird das andere schneller geladen.
    Ideal wäre wohl wenn zB von einer Ladestation 10 Parkplätze versorgt werden, mit den verschiedenen Kabeln.
    Als Kunde muss ich mir nur den richtigen Stecker suchen, aber nicht mit Ladeleistungen etc. beschäftigen. Die Station kann dann zB bis zu 3 Autos mit max. Leistung laden, wenn mehr dranhängen entsprechend etwas weniger.
    Kosten: Strom max 2-3x Haushaltsstrom, ortsübliche Parkgebühren (zB 3h gratis an einer Raststation, x EUR pro Stunde in der Innenstadt…), KEIN schlechtes Gewissen für zu langes Parken.

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